Bonnkrott

Marina Schutte. Bühnenbild.

Bonnkrott

eine Stadt tanzt

 

2014 bodytalk

Fotos: Klaus Dilger und Jennifer Peterson

Uraufführung: 3. Juli 2014, Hauptbahnhof Bonn, Bahnhofsvorplatz aka "Bonnerloch"

 

 

Choreographie/ Regie: Yoshiko Waki und Rolf Baumgart

Bühne und Kostüm: Marina Schutte

Produktionsassistenz: Jennifer Peterson

Licht: Garlef Keßler

 

 

Von und mit: Ellen Brombach, Jeanna Serikbayeva, Konstantin Kutepov, Mack Kubicki,

Mario Högemann, Nicole Kornatz, Stephan Kuhlmann, Peter Loest, Petra Heyden,

Sascha Meurer, Sylvana Seddig, Till Bleckwedel, Tim Gerhards, Victoria Primus.

 

 

 

ZUM STÜCK

 

(Quelle: http://www.tanzwebkoeln.de)

 

 

So viel öffentliche Aufmerksamkeit wurde dem berühmt-berüchtigten „Bonner Loch“ wohl selten zuteil. Gut dreihundert Menschen drängten sich auf den Steinstufen und an den umgebenden Gittern und Geländern, um einen Blick ins Loch zu werfen, in dem Ungewöhnliches abging.

 

Was hier passierte, wird kulturpolitisch abstrakt mit „Theater im öffentlichen Raum“ umschrieben. Doch das knallige Tanztheater „BONNKROTT – Eine Stadt tanzt“ der Köln-Bonner Companie bodytalk, das eine Stunde lang die Bonner Besucher und zahlreichen Zaungäste fesselte, blieb keineswegs abstrakt, sondern war eine äußerst lebensnahe Inszenierung, wie sie die meisten Zuschauer sicher noch nicht erlebt haben. Genau darin besteht das Erfolgsrezept dieses in NRW so einzigartigen Ensembles: Ganz nah an den Menschen und ihren alltäglichen Problemen zu sein. Seit Choreografin Yoshiko Waki und Rolf Baumgart (Idee/Konzept) vor einigen Jahren ihre Reihe „Stadtstreicher – urbanale Räume“ etabliert haben, richten ihre Inszenierungen immer wieder den Blick auf kommunale und regionale Probleme und Fehlentwicklungen und die menschlichen Tragödien dahinter. Mit spielerischem Wortwitz (urban | urban-al | ur-banal) greifen sie diese Defizite auf, um sie in nachhaltig wirkende tänzerisch-theatrale Bilder umzusetzen.

 

Schon seit Bonner Hauptstadtzeiten steht die als „Bonner Loch“ bezeichnete Tiefebene zum Hauptbahnhof in der öffentlichen Kritik. Kein Wunder, dass es dieser architektonische Schandfleck sogar zu einem Eintrag bei Wikipedia geschafft hat. Öffentliche Plätze zu gestalten gilt unter Städtebauern als eine besondere Herausforderung. Sie sind als Begegnungsort der Bürger ein unerbittlicher Maßstab für tatsächlich gelebte Urbanität. Deshalb bezeichnet der Fonds Darstellende Künste, einer der Förderer dieser Inszenierung, solche Orte als „Un-Orte“, die von und für die Zivilgesellschaft wieder zurück erobert werden müssen. Auch in BONNKROTT interessiert die bauliche Problematik nur in so weit, als sie zum Auslöser und Kulminationspunkt einer sozialen Problematik geworden ist. Urbanität ist Lebensqualität.

 

Doch die kommt nicht mit einem städtischen Alkoholverbot an diesen Ort zurück.

 

Bodytalk holt mit seinem Stück die ins Abseits des Loches verdrängte Problematik der Bonner Obdachlosen und Ex-Junkies aus der Tiefebene wieder ans Licht der Öffentlichkeit.

 

Im Mittelpunkt stehen Sascha und Petra, die als Laien-Spieler neben den Profi-Tänzern, Performern und Live-Musikern die Protagonisten dieses Stückes sind. Ohne Berührungsängste erzählt Petra ihre Lebensgeschichte, um die sich die einzelnen tänzerischen Szenen mit starken Bildern mal kommentierend, mal kritisch ranken. Es ist eine Story vom Abrutschen in die Drogenszene, von Entzug und Rückfall, von Erkenntnis und erfolgreichem Ausstieg Dazu passt der makabre Ensembletanz der Gehandicapten auf Krücken mit anschließender Krückenpolonaise oder der „Tanz“ rollender Schlafsäcke der Obdachlosen. Die ständige Verführung symbolisiert der Stelzenmann, der mit Bierflaschen an einer Leine nach Opfern fischt. Dazwischen immer wieder zum Live-Rock oder Tango Ensembletänze, mit denen die Choreografie eine durchgängige Linie schafft und die zahlreichen Einzelaktionen gekonnt einbindet. In einer zentralen Szene gelingt es gar das Publikum aktiv in das Stück einzubeziehen und sich spontan mit einem Begriff zu Süchten und Sehnsüchten zu äußern. Bald ist die „Bühne“ der Tiefebene voller Frauen und Männer jeden Alters, die mit Kreide ihre Assoziationen auf den Boden schreiben: Mut, Kraft, Rücksicht, Frei sein, Träume, Solidarität. Was der Inszenierung hier gelingt, ist eine unglaubliche

 

(und sicher unerwartete) Mobilisierung und Solidarisierung des Publikums mit einem gesellschaftlichen Anliegen, das weit über die spezielle Bonner Problematik hinausgeht.

 

In der Öffentlichkeit scheint ein größeres Verständnis für die Drogenproblematik und den erforderlichen Hilfen zu bestehen, als mediale Berichte dies glauben machen. BONNKROTT ist ein temporeiches, informatives und zudem unterhaltsames Stück um ein ernstes Thema.

 

Dass dies vom Publikum so offensichtlich und mit lang anhaltendem Schlussapplaus goutiert wird, zeigt, wie berechtigt es ist, sich mit künstlerischen Mitteln vehement in einen gesellschaftlichen Diskurs einzumischen. Die „Stadtstreicher“ von bodytalk sind in Nordrhein-Westfalens Tanzlandschaft nötiger denn je.

 

 

Da das Stück nichtmehr aufgeführt wird, kann man es sich Hier in voller Länge anschauen.

 

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